Die Geschichte der naturwissenschaftlich- kritischen Richtung in der Homöopathie

Schon zu der Zeit Hahnemanns begannen sich 2 Gruppen innerhalb der Ärzteschaft zu formieren, die eine, die sich streng an Hahnemanns Vorgaben hielt, die andere, die sich vorbehielt, in bestimmten Fällen auch nach den Regeln der damaligen Schulmedizin zu behandeln.

Hahnemann war darüber sehr in Sorge, da er eine Verwässerung und Verstümmelung seiner Lehre befürchtete, noch bevor diese sich richtig etabliert hatte.

 

Die ersten Repräsentanten der „ freien Homöopathen“ bzw. der „ naturwissenschaftlich- kritischen Homöopathie „ waren Moritz Müller, Franz Hartmann und Gustav Wilhelm Gross.

Nachdem Hahnemann 1835 Deutschland verlassen hatte, kamen die beiden unterschiedlichen homöopathischen Ärztegruppen zusammen und gründeten den „ Homöopathischen Zentralverein“; die von ihnen erarbeiteten Thesen betonten das Gemeinsame innerhalb der Homöopathie und die Notwendigkeit weiterer intensiver Forschung.

Die „ freien Homöopathen“ setzten sich in den folgenden Jahrzehnten für eine Anerkennung und gleichberechtigte Integration in die Gesamtmedizin ein.

Zu den wichtigsten gehörte damals Eduard von Grauvogl ( 1811 – 1877 ) mit seiner Konstitutionslehre. Er unterschied drei verschiedene Konstitutionen, denen er passende homöopathische Einzelmittel zuordnete ( hydrogenoide, carbonitrogene und oxygenoide Konstitution ). Mit Hilfe der physiologischen Chemie erklärte er die vorliegende Pathologie des Patienten mit einem Vorherrschen von Wasser, Sauerstoff, Stickstoff und Kohlenstoff.

Anknüpfend an diese Vorstellungen entwickelte Wilhelm Heinrich Schüssler ( 1821- 1898 ) sein System der Biochemie mit zunächst 12 mineralischen Funktionsmitteln in der D6 und der D12. Da jeder Krankheit ein zellulärer Mangel eines lebenswichtigen organischen Salzes zugrunde liege, könne sie nur durch arzneiliche Verabreichung eben dieses Mineralsalzes behoben werden. Schüssler selbst bezeichnete sein Heilverfahren nicht als homöopathisch.

 

Ein herausragender Arzt, der sich für die Integration der Homöopathie in die klassische Medizin einsetzte, war Theodor von Bakody (1826 – 1911), der seit 1873 in der Stadt Pest in Ungarn eine außerordentliche Professur für vergleichende Pathologie und zwei klinische Abteilungen betreute.

Seine Grundprinzipien der Homöopathie formulierte er folgendermaßen:

–    Die experimentelle Prüfung eines einzigen Arzneimittels an gesunden Tieren und Menschen
–    Das genaue Vergleichen der beobachteten Veränderungen mit den ihnen ähnlichen bei natürlichen Krankheiten
–    Die Anwendung nur eines einzigen Arzneimittels nach dem Ähnlichkeitsgesetz
–    Die Verwendung der Arznei in Form und Menge, die jede Nebenwirkung ausschließt

Er gilt als der eigentliche Begründer der naturwissenschaftlich –kritischen Homöopathie.

 

Der Wandel der Medizin um die Jahrhundertwende brachte viele neue Erkenntnisse im Bereich Bakteriologie und Serologie, was die bisherige Überbetonung der pathologischen Anatomie als relativ statisches Erklärungsmodell ablöste.

 

Die Erkenntnis von Loschmidt, dass jenseits der Verdünnung von D 23 kein einziges Molekül eines Stoffes oder Arzneistoffes mehr zu finden ist, führte zu einer Bestätigung der naturwissenschaftlich- kritischen homöopathischen Ärzte in ihrer Ablehnung gegenüber Hochpotenzen.

 

Der neue Hauptvertreter dieser Richtung wurde Hans Wapler ( 1866- 1951). Er lehnte jeden Dogmatismus in der Medizin ab mit den Worten: „ Wir wissen, es gibt keine universale Heilmethode, die Art des Krankheitsfalls bestimmt daher die Art der Behandlung, das Wohl des Kranken ist oberstes Gesetz, dem sich alles zu unterwerfen hat. Alle Ärzte, welche die Gesetze ihrer Heilweise klar erkennen, greifen deshalb ohne Bedenken, wenn der Fall es erfordert, in den allopathischen Arzneischatz hinein, ziehen die physikalischen Heilmethoden heran und operieren, wo es nötig ist.“ Ab 1922 übernahm er die Schriftleitung der AHZ.

Die wichtigsten Vertreter der naturwissenschaftlich- kritischen Ärzte waren:

–    Alfons Stiegele ( 1871 – 1956 ), der mit seinem funktionspathologischen Ansatz und einer großen klinischen Erfahrung am Stuttgarter homöopathischen Robert Bosch – Krankenhaus arbeitete und durch die pathophysiologischen Analysen der Arzneisymptome vielen Ärzten ein Verständnis für die klinische Homöopathie eröffnete.

–    Otto Leeser ( 1888 – 1964 ), der zusammen mit Stiegele eine Zeitlang das Robert- Bosch- Krankenhaus führte, dann wegen seiner jüdischen Herkunft nach England emigrieren musste und ab 1949 wieder die Krankenhausleitung übernahm. Er hat einer der wichtigsten und umfassendsten Materia medicae verfasst und steht damit auf einer Stufe mit Stauffer, Mezger, Voisin, Dorcsi, Hering und Boger.

–    Julius Mezger ( 1891 – 1976 ), der ebenfalls im Robert- Bosch- Krankenhaus arbeitete, neue, sehr präzise Arzneimittelprüfungen durchführte und mit seiner „Gesichteten homöopathischen Arzneimittellehre“ eines der bedeutendsten Standardwerke der Homöopathie schuf.

–    Rudolf Tischner ( 1879 – 1961 ), Augenarzt in München, der eine umfangreiche Geschichte der Homöopathie schrieb.

–    Professor Dr. Hans Ritter ( 1897 – 1988 ), habilitiert in Rostock, siedelte nach Westdeutschland über und übernahm die homöopathische Poliklinik am Robert- Bosch- Krankenhaus mit einer kleinen Bettenstation. Er war sehr kritisch mit der Hahnemannschen Homöopathie und sah sie eigentlich nur als Ergänzung zur Schulmedizin.

 

Seit dem Ende der 70er Jahre machte sich ein Umschwung in der Deutschen Homöopathie bemerkbar. Die wichtigsten Protagonisten der naturwissenschaftlich- kritischen Richtung, die auch die Ausbildung dominierten, starben und es waren die Schweizer Homöopathen Pierre Schmidt, Jost Künzli zu Fimmelsberg und Adolf Voegeli, die für die klassische Homöopathie nach Hahnemann eintraten.